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Tiere / Tierhaltung / Landschildkröten

Die Haltung von Landschildkröten

Herkunft:

Schildkröten gibt es schon seit über 200 Millionen Jahren. Seit es Menschen gibt, sind Schildkröten fester Bestandteil der Mythologien vieler Kulturen, manchmal auch des Speiseplanes (denn man hofft, dass ihre Langlebigkeit durch den Verzehr auf den Esser übergeht, was natürlich völliger Blödsinn ist). Durch ihr gemütliches Wesen sind sie der Sympathieträger unter den Reptilien. Die meisten der bei uns als Haustiere gehaltenen Landschildkröten stammen ursprünglich aus Süd- und Südosteuropa (Griechische und Maurische Landschildkröten, Breitrandschildkröten), teilweise erstreckt sich der Lebensraum bis nach Vorderasien (Vierzehen- oder asiatische Steppenschildkröten). Daneben werden auch viele Tiere afrikanischer, amerikanischer und asiatischer Herkunft im Handel angeboten, auf deren Haltung hier nicht eingegangen werden soll, da sie in ihrer Pflege noch um einiges anspruchsvoller sind als die Europäischen Landschildkröten und somit den "wirklichen Experten" vorbehalten sein sollten.

Lebensweise:

Landschildkröten gehören zu den wechselwarmen Reptilien und somit ist ihr Lebensrhythmus von der Zufuhr von Wärme - also Sonne- abhängig. Ohne die richtige "Betriebstemperatur" (ca. 33°C)funktioniert im Leben einer Schildkröte nichts, weder Verdauung, Organfunktionen, Hormonproduktion und auch nicht die Fortpflanzung (sie legen ihre Eier in den Boden und lassen diese von der Sonne ausbrüten). Die Europäischen Landschildkröten sind tagaktiv und verbringen die kalte Jahreszeit in einer Winterruhe.

Lebenserwartung:

Landschildkröten können ein wahrhaft biblisches Alter erreichen: bei kleineren Arten können es durchaus etwa 100 Jahre sein, bei Riesenschildkröten sogar noch mehr! Als Haustiere werden sie bei guter, artgerechter Pflege auch so alt! (Im Zoo Kairo wird eine über 150 Jahre alte Maurische Landschildkröte gehalten)

Ernährung:

Als reine Pflanzenfresser ernähren sich die Europäischen Landschildkröten ausschließlich von Grünfutter: Kräuter, Gräser und Blüten. Abgesehen davon verzehren sie in ihrem meist sehr kargen Habitat fast alles, was ihnen buntes und lecker duftendes vor die Nase kommt: Blumen, süßes Obst, Gemüse Pilze und sogar Schnecken und Regenwürmer. Solcherart Futter ist für die von Natur aus reinen Vegetarier aber die absolute Ausnahme und deshalb nicht artgerecht, was sich bei den bei uns gehaltenen Schildkröten in Fehlwachstum, Parasitenbefall und Verdauungsproblemen äußert! Dies bedeutet, dass man Landschildkröten keinesfalls mit tierischen Produkten füttern darf - bitte nur pflanzliches, gut strukturiertes, ballaststoffreiches Futter geben! Hauptnahrung muss Grünfutter und Wiesenkräuter sein. Leider sind auch sehr viele im Zoofachhandel angebotenen Schildkrötenfutter-Sorten für diese hoch spezialisierten Tiere nicht geeignet. Für eine ausreichende Kalziumversorgung füttert man Sepiaschale. Was bei diesen Tieren aus den relativ trockenen Habitaten sehr häufig vergessen wird: Wasser muß täglich angeboten werden.

Heimtierhaltung:

Über Sinn und Unsinn der Schildkrötenhaltung kann man streiten. Vor einigen Jahrzehnten avancierte die Landschildkröte zum Heimtier schlechthin: zu Hunderttausenden wurden die Tiere in den Herkunftsländern eingefangen, unter verheerenden Bedingungen unter anderem auch nach Deutschland transportiert und für fünf Mark das Stück verkauft. Über ihre Bedürfnisse machte man sich keine Gedanken, die Tiere wurden in Kartons gehalten, im Garten angebunden (normal war, ihnen ein Loch in den Panzer zu bohren, wo dann ein Seil durchgezogen wurde!), dienten als billiges Kinderspielzeug, oft ließ man die Tiere frei im Garten laufen, und dann waren sie plötzlich weg. So manche Schildkröte fror im Winter ein und taute im Frühjahr dann auch nicht mehr auf. Dann gab es halt eine neue, kostete ja nicht viel.
Die Zeiten haben sich geändert. Von der Massenware zum vom Aussterben bedrohten Tier war es kein weiter Weg. Alle Landschildkröten stehen mittlerweile unter Artenschutz und dürfen somit nicht mehr unkontrolliert aus der Natur entnommen werden (Ausnahmen gibt es leider immer noch, sei es staatlich abgesegnet oder auch nicht). Doch der Handel mit ihnen boomt, je seltener die Tiere sind, desto begehrter sind sie. Immer noch werden Tiere illegal eingeführt und verkauft, obwohl sie nicht verkauft (auch wer solche kauft, macht sich strafbar!) werden dürfen. Gehandelt werden dürfen ausschließlich bei uns nachgezüchtete Landschildkröten aus einer bei der Artenschutzbehörde angemeldeten Zucht mit gültigen Papieren (Cites, bzw. EU-Bescheinigung mit Fotodokumentation; Herkunftsnachweis). Die Tiere müssen alle bei der zuständigen Artenschutzbehörde gemeldet werden (diese Anmeldung ist kostenlos).
All dies hat dazu geführt, dass Landschildkröten heute ihren Preis haben: 60 - 200 Euro für ein Jungtier ist der normale Preis (für ganz seltene Arten natürlich viel mehr), und das ist gut so. Denn dann denkt man vielleicht eher darüber nach, ob man sich wirklich eine Schildkröte anschaffen will. Auch steigt mit dem Preis die Sorge um das Wohlergehen des Tieres, so dass es eigentlich gar nicht teuer genug sein kann.
Doch was alles braucht die Landschildkröte für ein (so weit es überhaupt geht) angenehmes Leben in Gefangenschaft? Denken Sie nicht, sie hätten so eine Art "lebenden Stein" vor sich, der genauso robust und pflegeleicht ist wie ein richtiger Stein. Seien Sie sich bewusst, dass Ihre Schildkröte ein hoch spezialisiertes, sehr wenig anpassungsfähiges Lebewesen ist, dann kann aus Ihrer Beziehung etwas werden.
Landschildkröten können in unseren Breiten ausschließlich in den Sommermonaten im Freien, d.h. in einem Freigehege gehalten werden. Dort sollten sie ein großzügiges, ganztägig sonniges und gut strukturiertes, fest eingezäuntes Gelände mit heizbarem Schutzhaus oder besser mit beheizbarem Frühbeetkasten oder Gewächshaus (aus der Pflanzenanzucht) zur Verfügung haben. Im Frühjahr und Herbst, wo es viel zu kalt für eine Außenhaltung ist, sollten die Tiere im Haus ein großes beheiztes und gut beleuchtetes Terrarium (das nach oben offen sein muss) haben, für das Sie in Ihrer Wohnung erst einmal Platz haben müssen, denn auch wenn sie nur eine Schildkröte haben, reicht ein Quadratmeter noch lange nicht aus (Mindestfläche für ein- bis zweijährige Jungtiere: 100 x 50 cm, für ein ausgewachsenes Tier wenigstens 8 - 10 qm = z. B. ein umgebautes Kinderzimmer). Ausgestattet sein muss ein Terrarium mit einem lichtstarken Strahler (Halogen-Metalldampf-Hochdruckstrahler = hqi), Wärmestrahlern und UV-Beleuchtung, aber auch mit einem immer leicht feucht zu haltenden Bodengrund (ungedüngte Gartenerde oder Kokosfasersubstrat -keine gedüngte Blumenerde-), einer Kletter- und Versteckmöglichkeit aus Korkrinde und einem Wassergefäß, das groß genug ist, dass die Schildkröte darin baden kann. Direkt unter dem Wärmestrahler muss es tagsüber eine Bodentemperatur von 40°C haben. Die restliche Umgebungstemperatur ist im Frühjahr und Herbst mit 20 - 23°C ausreichend und muss nachts auf 15 - 18°C abfallen!!!!! Ein Schildkrötenterrarium darf deshalb nicht in einem beheizten Wohnzimmer stehen. Günstig sind als Standort deshalb ein unbeheizter Hobbyraum, der Flur oder das Schlafzimmer. Nachts sind Beleuchtung und Heizung komplett abzuschalten!
Den Winter über halten die Europäischen Landschildkröten eine Winterruhe, oder auch Winterstarre genannt, für den Sie zu Hause einen kalten und frostfreien Keller oder einen extra Kühlschrank benötigen (konstant 4 - maximal 6°C!).


Europäische Landschildkröten sind von Natur aus Einzelgänger, die in freier Natur auf mehren Quadratkilometern leben und gelegentlichen Kontakt zu ihren Artgenossen haben. Deshalb sind sie auch bei uns in der Lage, einen Artgenossenkontakt dulden, aber sie benötigen ihn nicht! Landschildkröten können deshalb auch sehr gut alleine gehalten werden. Bei einer Gruppenhaltung, die den entsprechenden Platz erfordert, muss unbedingt auf eine harmonische Gruppenzusammensetzung geachtet werden (immer nur ein Männchen bei einigen Weibchen, da die andauernden Paarungsversuche der Herren die Damen arg strapazieren; ein Männchen ist deshalb außerhalb der Paarungszeit (Frühjahr) von den Weibchen getrennt zu halten, da die Männchen ganzjährig sehr paarungsfreudig sind. Das wäre für die Weibchen, die nur phasenweise paarungsbereit sind, Stress pur!).
(Eigene Anmerkung: Leider werden derzeit von den Züchtern immer noch überwiegend männliche Tiere ausgebrütet, weil man noch nicht genau weiß, wie man vermehrt Weibchen ausbrütet - auch wenn dies von manchen Züchtern immer wieder behauptet wird, weil sie mehr Tiere an einen Käufer verkaufen wollen! Dieser ungünstige Umstand macht es erforderlich, dass man gemeinschaftlich gehaltene Tiere sehr gut beobachtet und die Verhaltensweisen auf keinen Fall vermenschlicht sieht! Gerade die Männchen sind mit fortschreitendem Alter, bzw. bei Eintritt der Geschlechtsreife (4 - 7 Jahre) sehr oft stark revierverteidigend. Eine Gemeinschaftshaltung bewirkt sehr häufig gestresste, parasitenbelastete, durch Kämpfe verletzte oder kümmernde Tiere. Deshalb lehnen erfahrene Reptilientierärzte eine Gruppenhaltung ab, wenn nicht wirklich ausreichend Platz in einem gut strukturierten Gehege mit vielen Versteckmöglichkeiten zur Verfügung steht. Ausreichend Platz wären Gehegegrößen ab 100 qm aufwärts!!! Da dies die wenigsten Halter anbieten können oder wollen, ist den Tieren mehr gedient, wenn man sie einzeln hält, zumal die Besitzer ja auch im Haus für die Übergangszeiten seltenst auch nur annähernd ausreichend große Terrarien zur Verfügung stellen können.)

Krankheiten:

Fast alle auftretenden Krankheiten lassen sich auf Haltungs- und Ernährungsfehler zurückführen. Oft treten aufgrund zu kalter bzw. zugiger Haltung (z.B. bei Fußbodenhaltung!) Erkältungen auf, die schnell zur Lungenentzündung (und unbehandelt irgendwann zum Tod) führen, ein anderes großes Problem ist, dass bei geringen Temperaturen der gesamte Stoffwechsel der Tiere nahezu zum erliegen kommt. Verfettung, Kalzium- und Vitaminmangel sind häufige Resultate fehlerhafter Ernährung - die Folgeschäden sind teils dramatisch (z.B. Knochenerweichung); Befall mit Parasiten (Einzeller, Pilze, Milben, Würmer) ist unbedingt durch einen Tierarzt behandeln zu lassen. Denken Sie immer daran, dass Schildkröten nicht mal halb so robust sind, wie sie aussehen: oft geschehen tragische Unfälle, wenn Schildkröten von Hunden gebissen, herunterfallen gelassen oder von einem Auto überfahren werden.

Besonderheiten:

Um eine Landschildkröte vernünftig zu halten und ernähren zu können, sollten Sie unbedingt vor einer Anschaffung (wenn überhaupt, dann sollte die Schildkröte natürlich aus dem Tierschutz und nicht aus dem Zoohandel stammen!) ausgiebige Literaturstudien anstellen (für Anfänger gut geeignet:
Manfred Rogner, Griechische Landschildkröten, Natur- und Tier-Verlag
Rainer Zirngibl, Ihr Hobby - Griechische Landschildkröten, BEDE-Verlag
Carolin Dennert, Ernährung von Landschildkröten, Natur- und Tier-Verlag)
Erst dann sollten Sie entscheiden, ob Sie sich zutrauen (und ob es wirklich sein muss), ein Wildtier artgerecht bei sich zu Hause zu halten. Es versteht sich von selbst, dass Schildkröten keine Spieltiere für Kinder sind; auch für Sie gilt: jedes Mal, wenn die Schildkröte angefasst, hochgehoben oder gar auf den Rücken gedreht wird, bedeutet das, dass sie dadurch in Todesangst versetzt wird, weil sie glaubt es wäre ein Fressfeind der sie von oben angreift.
Denken Sie immer daran, dass der Mensch es geschafft hat, durch seine zweifelhafte Tierliebe diese viele Millionen Jahre alte Spezies an den Rand der Ausrottung zu bringen.

Hier noch einige hilfreiche Links:

Die griechische Landschildkröte: www.t-hermanni.de/griech/

Alles über Schildkröten und Haltung: www.schroete.de

Schildkrötenerfahrene Tierärzte: www.tierarzt.schildkroeten.com

 

Text: Melanie Reiner